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Karin Kurzmann gibt Einblicke in ihre gutachterliche Arbeit – gestern, heute und morgen.

Wenn Karin Kurzmann über Qualitätsprüfungen spricht, fällt ein Wort immer wieder: Beratung. Nicht als freundliche Geste am Rand einer Qualitätsprüfung, sondern als Kern ihrer Arbeit und die ihres Teams. Es klingt nach fester Überzeugung, wenn sie sagt: „Ein beratungsorientierter Prüfansatz ist der Goldstandard in unserer täglichen Arbeit.“ Seit 1997 begleitet sie die Entwicklungen in der Qualitätsprüfung von Pflegeeinrichtungen – ambulant wie stationär. Vieles habe sich verändert. Der Anspruch dahinter nicht.

Prüfen heißt hinschauen

Heute leitet Frau Kurzmann das Team Qualitätsmanagement beim Medizinischen Dienst Bremen. Ihr Team prüft Pflegeeinrichtungen, bewertet Qualität und gibt u. a. Rückmeldungen in die Einrichtungen. Nicht abstrakt, sondern konkret und dort, wo Pflege stattfindet.

Wenn sie und ihr Team eine Pflegeeinrichtung besuchen, richtet sich der Blick auf die pflegerische Praxis: Was kommt bei den Pflegebedürftigen tatsächlich an? Wie wirken Maßnahmen im Alltag? Welche Unterstützung erhalten Pflegefachkräfte vor Ort? „Wir überprüfen pflegerische Handlungen sehr genau“, erklärt Karin Kurzmann. „Der Fokus liegt dabei auf der Beratung der Pflegefachkräfte einer Einrichtung.“ Dieser Ansatz prägt die Qualitätsprüfungen. Die Ergebnisse der Prüfungen bleiben nicht intern, sondern werden u. a. auf www.pflegelotse.de, einem unabhängigen und kostenlosen Informationsportal des Verbandes der Ersatzkassen (vdek), für alle einsehbar veröffentlicht. Jede und jeder kann darüber Qualitätsinformationen über Pflegeeinrichtungen abrufen und erhält damit einen direkten Einblick in die Ergebnisse der Medizinischen Dienste.

Unterschiedliche Stichprobenverfahren

Auch Beschwerden über Pflegeeinrichtungen gehören zum Arbeitsalltag des Teams. Frau Kurzmann betrachtet sie als wichtigen Impuls von außen. „Wenn Leistungen und Qualität hinterfragt werden, schauen wir uns genau den beanstandeten Bereich an.“ Dies dient zum einen dem Schutz der Pflegebedürftigen und zum anderen den Einrichtungen selbst. „Denn wir versuchen in den anlassbedingten Qualitätsprüfungen zu klären, ob die jeweiligen Beschwerdepunkte nachvollziehbar sind.“

Sowohl bei Regel- als auch bei Anlassprüfungen erfolgt die Auswahl der in die Prüfungen einzubeziehenden Pflegebedürftigen anhand einer klar geregelten Stichprobenlogik, die in den sogenannten Qualitätsprüfungs-Richtlinien festgelegt ist.

Im ambulanten Bereich wird ab Juli dieses Jahres eine neue Qualitätsprüfungs-Richtlinie mit einem sehr komplexen Stichprobenverfahren in Kraft treten. Das wird für die Einrichtungen und für die Gutachterinnen und Gutachter der Medizinischen Dienste eine besondere Herausforderung. Warum diese Komplexität? Sie lächelt kurz. „Auf wissenschaftlicher Basis soll Gerechtigkeit zwischen den Pflegediensten hergestellt werden.“ Als Pflegewissenschaftlerin kennt sie beide Seiten: den Anspruch an valide Verfahren und die Realität in der Praxis. „Gleichzeitig gibt es Anpassungen seitens der Politik, die neue, sehr komplexe Instrumente mit sich bringen.“ Aus ihrer Sicht gilt es, die Richtlinienvielfalt zu reduzieren. Sie und ihr Team arbeiten derzeit auf Basis von sechs verschiedenen Regelwerken. So überrascht es auch nicht, dass die Einarbeitung neuer Mitarbeitender bis zu einem Jahr dauert. Qualität braucht auch hier Zeit.

Ergebnisqualität statt Symbolik

Für Karin Kurmann bleibt der Maßstab klar: „Wir müssen uns konkret anschauen, was Pflege bei jenen Pflegebedürftigen bewirkt, die einer besonderen Fürsorge benötigen.“ Dahingehend wünscht sie sich wieder Stichprobenverfahren, die das verstärkt berücksichtigen. Schon früh arbeitete sie an Konzepten mit, die den Fokus auf Ergebnisse legten.

Im Rahmen des Pflegeprozesses sollten Pflegeeinrichtungen die Wirksamkeit ihrer Maßnahmen bei allen von ihnen versorgten Menschen regelmäßig selbst in den Blick nehmen. Politisch bestand lange die Hoffnung, Qualitätsverbesserungen vor allem durch interne Maßnahmen zu erreichen. In der Praxis wirken Fachkräftemangel und hohe Belastung jedoch oft entgegen.

Qualität entsteht von innen

Frau Kurzmann ist überzeugt: „Qualität zeigt sich über einen gewissen Zeitraum und ist nur ganz selten eine Momentaufnahme. Sie lässt sich auch nicht überstülpen. Sie muss von innen heraus entstehen, und das ist auch das stärkste Argument für den beratungsorientierten Ansatz.“ Der Grundgedanke dahinter ist plausibel: Erst wenn Pflegefachkräfte selbst von einem bestimmten Vorgehen überzeugt sind, wenn es den Pflegebedürftigen hilft und Fortschritte erkennbar werden, finden die von Frau Kurzmann und ihrem Team empfohlenen Maßnahmen auch nachhaltig Anwendung.

Veränderungen im Pflegealltag

Seit 1997 führt Karin Kurzmann Qualitätsprüfungen durch. Damals zeigte sich schnell, dass diese dringend in der Pflegepraxis erforderlich waren. Denn nicht selten fanden die Gutachterinnen und Gutachter zahlreiche Pflegedefizite wie z. B. Dekubitus und Mangelernährung bei den Pflegebedürftigen vor. Die Medizinischen Dienste erkannten schnell den Bedarf, diese Pflegethemen wissenschaftlich aufzuarbeiten und somit den Pflegenden Literatur zur Fortbildung an die Hand zu geben. Grundsatzstellungnahmen zu Dekubitus, Ernährung und Demenz wurden auf Bundesebene erarbeitet. „Diese Impulse kamen aus den Qualitätsprüfungen heraus“, sagt sie. Sie selbst wirkte an allen dieser Stellungnahmen mit. Praxis und Wissenschaft griffen ineinander. Während ihrer Tätigkeit studierte sie Pflegewissenschaft. Der Wechsel zwischen Praxis und Theorie prägte ihren Blick. „Gerade am Anfang war das enorm hilfreich, auch, um mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort auf Augenhöhe zu sprechen.“ Bis heute sieht sie den Medizinischen Dienst als eine Institution, die Entwicklungen in der Pflegelandschaft früh wahrnimmt, eben weil Gutachterinnen und Gutachter regelmäßig vor Ort sind.

Im stationären Bereich können aufgrund sehr guter Prüfergebnisse Qualitätsprüfungen inzwischen zweijährlich stattfinden. Auch das spiegelt Entwicklungen wider. „Es hat sich viel positiv verändert“, sagt Kurzmann. Die Pflegelandschaft heute unterscheidet sich deutlich von der vor zwanzig Jahren. Gleichzeitig stiegen die Herausforderungen. „Die in den Anfangsjahren häufig salopp geäußerte Regel ‚Trocken, sauber, satt‘ darf kein Maßstab sein“, betont sie. Pflege müsse individuell und bedürfnisorientiert bleiben. Eine gute Leitung, stabile Prozesse und eine verlässliche Organisation spielen dabei eine zentrale Rolle. Heute, sagt sie, sehe sie nicht mehr das, was sie früher erlebt habe. In Bremen gebe es viele Träger, die gute Arbeit leisten. Einzelfälle dürften nicht pauschalisiert werden.

Rahmenbedingungen entscheiden mit

Für gute Pflege braucht es mehr als Fachwissen. Verlässliche Dienstpläne, angemessene Bezahlung, Freiräume bei der Ausübung des Berufs. Karin Kurzmann spricht sich klar für stabile Rahmenbedingungen aus. „Hohe Fluktuation im Team wirkt sich unmittelbar auf die Qualität aus. Mitarbeitende verlieren Sicherheit, Prozesse greifen nicht mehr.“

Blick nach vorn

Für die Zukunft wünscht sie sich eine Qualitätsprüfungs-Richtlinie statt deren sechs. Der Schwerpunkt sollte klar auf der Ergebnisqualität liegen, verbunden mit einer weiteren Stärkung der Beratung. Nicht mehr Prüfungen um ihrer selbst willen, sondern gezielte Impulse. Auch bei Beschwerden plädiert sie für Augenmaß. Nicht immer brauche es den großen Apparat der Anlassprüfung. Im Rahmen einer „intensiven Beschwerdebearbeitung“ (ein Konzept, das sie vor Jahren entwickelte) könnte ein gezielter Blick von außen Entwicklungen in den Einrichtungen anstoßen.

Stabilität als Voraussetzung

Dass das Team Qualitätsmanagement seine Prüfquoten seit der Eigenständigkeit des Medizinischen Dienstes Bremen stets erfüllt hat, führt Karin Kurzmann nicht auf Zufall zurück. Teamstabilität, Organisation und kontinuierliche Fortbildung spielen eine zentrale Rolle. „Wir dürfen nicht dastehen und neue Vorgaben nicht kennen“, sagt sie nüchtern.

Was Bremen auch besonders macht, ist die enge Verzahnung des Dienstes mit der Bremischen Wohn- und Betreuungsaufsicht (Heimaufsicht), die sich durch gemeinsame Prüfungen, regelmäßigem Austausch und abgestimmte Beschwerdebearbeitung auszeichnet – all das entlastet Einrichtungen und verhindert Doppelprüfungen. Effektivität entsteht durch Koordination. Sie spricht mit sichtbarem Stolz über ihr Team. Die Kolleginnen und Kollegen gelten in den Einrichtungen als fachlich versiert – nicht nur als Gutachterinnen und Gutachter, sondern auch als Beraterinnen und Berater. Am Ende kehrt sie zu dem zurück, was sie antreibt: Pflege verbessern, ohne sie zu überfordern. Zuhören, hinschauen, einordnen. Beratung statt bloßer Kontrolle. Oder, wie sie es selbst formuliert: „Qualität gemeinsam entwickeln und dranbleiben.“